DNN – Die Neusten Nachrichten
Guten Abend meine Damen und Herren.
Nürnberg. Die Arbeitslosenzahlen sind um 50% gesunken. Der einzig verbliebene Arbeitslose bekommt nächste Woche eine Anstellung in Theos Theorumfabrik Kandel als Vorkoster.
Brüssel. Tumult vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Eine Delegation bekannter Märchengestalten kam, um ihre Rechte einzufordern. Die Sprecherinnen der Delegation, Aschenputtel, Rapunzel und Goldmarie sorgten für Aufregung.
Mit wem hatte Kopje gespielt und wem hatte er das Fell über die Ohren gezogen?
Schneewittchen dachte nach.
„Knuddel zu dumm?“, explodierte jetzt Karoline, „ich sag Dir was, Schneewittchen: Du und, wie heißt Dein komischer Freund, ihr seid …“
Schneewittchen bekam einen gehörigen Schreck. Schon wollte sie etwas zu ihrer Verteidigung vorbringen, öffnete ihren Mund zu einer geharnischten Richtigstellung, als sie wahrnahm, das Karoline sehr nachdenklich und gar nicht wütend aussah. Schneewittchen schwieg.
Karoline sah Schneewittchen lange an. Schließlich kam sie zu einem Ergebnis. „Nein!“, sagte sie bestimmt, „Theo hat nicht das Buch geentert.“
Schneewittchen fiel aus allen Wolken. Sie hatte eine unumstößliche Lösung präsentiert und Karoline zweifelte sie an. Doch bevor Schneewittchen ihrer Empörung Luft machen konnte, fuhr Karoline fort.
„Du meinst, jemand hat Annis Geschichte geklaut und daraus eine andere Geschichte gemacht? Eine, in der wir in dieser unheimlichen Umgebung sind, hungern und frieren?“, fragte Schneewittchen (eigentlich Susanne), „das ist doch ein wenig dumm. Welchen Sinn soll es haben, Geschichten zu stehlen und dann zu ändern?“
„Schneewittchen, Du musst nicht in Ohnmacht fallen, wir sind nicht in Äktschen.“
„Nicht in Äktschen?“, sagte Schneewittchen vom Boden aus, „also wenn wir nicht spielen, dann nenn mich bitte Susanne und nicht Schneewittchen.“
„Gut, Schneewittchen, das mache ich. Du darfst ruhig weiter Karoline zu mir sagen. So heiße ich auch im Theofrosch. Aber guck Dir mal das Buch an. Fällt Dir nichts auf?“
Schneewittchen schnappte Luft, zögerte eine Sekunde und flüsterte dann fast ehrfürchtig: „Du meinst das BUCH? Das in dem alles steht? In dem beschrieben ist, was wir machen müssen?“
„Ja“, erwiderte Karoline leise.
„Dann lass es uns suchen. Wo sollen wir beginnen?“
„Lass uns durch diese Mauer gehen, ein Tor ist da“, deklamierte Karoline, stutzte und sagte dann nur: „Dann los!“
Schweigen.
Der eisige Sturm gewann an Stärke, seine voluminösen, dissonanten Klangkaskaden gewannen an Intensität. Die leise wimmernden Stimmchen waren nicht mehr zu vernehmen. Schweigen oder Reden im Geräusch-Overkill - beides von gleicher Tristesse.
Es war kalt. Es war dunkel. Ein eisiger Wind pfiff durch das kahle Gemäuer. Die ferne Turmuhr schlug gerade fünf. Winter. Tiefster Winter. Weihnachten war seit Wochen vorbei. Doch dieses Weihnachtsfest spendete keinen Trost. Kalt und dunkel war es, kein Licht erhellte die Nacht. Jetzt, Wochen später, war die Lage nicht mehr trostlos, sondern hoffnungslos.
Gegen Eisbären hatte Anni gar nichts. Warum sollte sie auch. Einige ihrer besten Freunde waren Eisbären. Schnauzerle und Schotti. Knuffile nicht zu vergessen. Also: Was sollte diese dumme Bemerkung Knuddels? Der Reihe nach musterte sie ihre Gegenüber. Anni blickte in strahlende Gesichter, glänzende Augen sahen sie an. Da lag kein Spott drin. Nur Begeisterung für ihre Erzählung.