Mit wem hatte Kopje gespielt und wem hatte er das Fell über die Ohren gezogen?
Schneewittchen dachte nach.
DNN – Die Neusten Nachrichten
Guten Abend meine Damen und Herren.
Nürnberg. Die Arbeitslosenzahlen sind um 50% gesunken. Der einzig verbliebene Arbeitslose bekommt nächste Woche eine Anstellung in Theos Theorumfabrik Kandel als Vorkoster.
Brüssel. Tumult vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Eine Delegation bekannter Märchengestalten kam, um ihre Rechte einzufordern. Die Sprecherinnen der Delegation, Aschenputtel, Rapunzel und Goldmarie sorgten für Aufregung.
„Wo ist mein Prinz? Wieso bin ich aufgewacht ohne von einem Prinzen geküsst zu werden? Wo ist die Dornenhecke?“
Karoline betrachtete Schneewittchen misstrauisch von der Seite. Als Schneewittchen beschloss, das Annimähniemus Geheimnis zu durchdenken, war es Karoline sofort klar: das dauert.
„Also“, sagte Schneewittchen nach kurzem Zögern, „Annimähniemus ist nämlich …“ Schneewittchen überlegte kurz, dann lief sie rot an. Es war nicht das anmutige rot der Schüchternheit, es war glühende Zornesröte, Glut loderte in ihren Augen auf.
Die Musik nahm an Lautstärke zu. Schneewittchen hielt sich die Ohren zu, ihr leises Wimmern war nicht zu hören, wohl aber die schmerzverzerrten Gesichtszüge zu sehen.
Karoline reagierte ganz anders. Ihr machte der Sound sichtlich Spaß. Wie ein Derwisch hüpfte sie im Rhythmus der Musik, die Freudenschreie, die sie ausstieß, gingen in dem Inferno der Klänge unter. Später berichtete sie, sie hätte nur „Juhuu!“ gerufen, aber das ist nicht nachprüfbar, genauso wie die Spesenabrechnungen eines gewissen Bundespräsidenten.
„Julchen!“, rief Schneewittchen erstaunt, „Du bist dafür verantwortlich, dass wir in dieser eisigen Kälte zittern?“
Sie dachte einen Moment nach, dann fuhr sie sehr theatralisch fort: „In dieser finstren Nacht, halb vor dem Erfrieren, halb vor dem Verhungern …“
„Ganz ruhig, Julchen“, sagte Karoline, „drehe Dich jetzt ganz langsam ein Stück nach rechts. Stopp, das war ein Tick zu weit. Jetzt ist gut. Nun strecke ganz vorsichtig Deinen rechten Arm aus. So ist gut. Jetzt ganz langsam den Finger senken und … ja geschafft.“
Ein wunderbare Landschaft tauchte aus dem weißen Licht heraus auf, es war Sommer … Und die wunderbare Landschaft bestand eigentlich auch nur aus den Klostermauern ohne Schnee.
Ungläubiges Schweigen lag in der Luft.
Karoline sagte nach einer Weile: „Aber das ist doch Annis Buch.“
„Nö!“, erwiderte Julchen knapp, „das Buch gehört jetzt allen.“
„Eher gehe ich auf Dich los!“, riefen Karoline und Schneewittchen wie aus einem Munde und sie machten Anstalten sich mit grimmigen Gesichtern auf Julchen zu stürzen.
Mit astreinem, schafsmäßigem Gemecker ging Julchen in Positur. Sie schien sich auf eine Portion Frühsport zu freuen, als sich plötzlich ihr Gesicht veränderte. „Oh!“, sagte sie ziemlich kleinlaut, „da kommt Anni … Und sie ist ganz fröhlich.“
Anni tätschelte liebevoll Julchens Wangen: „Julchen, Deine Idee war hervorragend. Ich möchte mich bei Dir entschuldigen, weil ich anfangs nichts von Deiner Idee hielt.“
Julchen fing sich, guckte verdutzt und überlegte kurz. Dann fragte sie gerade heraus: „Welche Idee meinst Du? Ich habe Tausende. Sieh Dir meine Bilder an und Du weißt Bescheid.“
„Deine Idee, meine Geschichte gemeinfrei zu machen und allen die Möglichkeit zu geben, sie nach belieben zu ändern, meine ich.“